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Manticor

Verschwörungstheoretiker

  • »Manticor« ist der Autor dieses Themas

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Dienstag, 26. August 2014, 18:11

Die "Cabinets Noirs" - Postüberwachung im Absolutismus

In der GEO Epoche-Ausgabe zum Thema "Geheimdienste" (, die ich übrigens jedem Interessierten empfehlen kann), wird auf einer Doppelseite von einem ausgeklügelten Postüberwachungssystem berichtet, das von etwa 1628 bis ins 19. Jahrhundert Bestand hatte.
Das Zeitalter des Absolutismus war geprägt von Herrschern, die nach nicts mehr strebten als alle Macht innerhalb eines Staates auf sich selbst zu konzentrieren. Symbolisch dafür steht der berühmte Ausspruch Ludwigs XIV.: "L'état c'est moi", zu Deutsch "Der Staat bin ich."
In dieser Zeit also, vermutlich 1628, verfügte der auch aus "Die drei Musketiere" bekannte Kardinal Armand-Jean du Plessis de Richelieu, dass der gesamte Briefverkehr des Landes über des zentraler Postamt in Paris laufen müsse. Hier entsteht ein geheimes Büro, in dem sich Spezialisten verdächtiger Sendungen annehmen. Die Experten ebendieses Schwarzen Kabinetts öffnen und kopieren Briefe, die anschließend unauffällig wieder verschlossen werden. Siegel werden mit einem heißen Draht abgetrennt und später wieder aufgesetzt.
Der oben schon erwähnte Monarch lässt sich rund 40 Jahre später sogar die von dieser Behörde kopierten Schreiben ausländischer Diplomaten, des Hofadels und seiner Mätressen täglich vorlegen.
Später entstehen in ganz Europa Überwachungsbehörden nach französischem Vorbild, besonders darauf angewiesen ist jedoch das Herrscherhaus Habsburg aufgrund seines komplizierten Konglomerats aus Herrschaften und Territorien. Wer sowohl König von Böhmen als auch Erzherzog von Österreich ist und parallel auch noch über Gebiete in Belgien und Norditalien herrscht, sollte besser einen Überblick über den Postverkehr haben. Um dies zu gewährleisten, gründete Karl VI. zu Beginn des 18. Jahrhunderts das straff organisierte, technisch bestens ausgestattete "Ziffernsekretariat" in einem Nebengebäude der Wiener Hofburg. Dessen Beamten kontrollierten die Postverkehr der Hauptstadt, schrieben Briefe ab, übersetzten sie und knackten Verschlüsslungen. Und da das Adelshaus Thurn und Taxis das Monopol auf die Postbeförderung innehatte, richteten die Habsburger auch in Städten wie Frankfurt, Augsburg, Regensburg, Nürnberg und Hamburg sogenannte Postlogen ein, um auch den Briefverkehr im Heiligen Römischen Reich zu kontrollieren. Im Ziffernsekretariat werden um 1800 täglich etwa 1000 Briefe täglich geöffnet, mit außergewöhnlichen Methoden: Von Siegeln werden mit einer Paste aus Silberamalgam (einer Substanz, mit der man auch Zähne füllt) Abrücke genommen, um das entfernte Siegl nach Kopie des Briefes täuschend echt nachzubilden. So besitzt die Behörde bald eine große, nach Ländern sortierte Siegelsammlung.
Die Beamten des Ziffernsekretariats werden unter sehr strengen Vorgaben eingestellt: Erforderlich sind Kenntnisse in Chemie, Algebra und Sprache sowie Kombinationsgabe. Außerdem müssen Berufsanfänger vor einer mehrmonatigen Probezeit einen Amtseid schwören und in Kauf nehmen, dass ihr Privatleben überwacht wird und sie absolutes Stillschweigen über ihr Tun bewahren müssen. Dafür ist die Entlohnung entsprechend: Ein Wohnplatz in der Hofburg, üppige Pensionen und kostenloses Brennholz (!).
Doch obwohl das Ziffernsekretariat ab 1809 auch aufrührerische Schriften zensierte und Untertanen bespitzelte, konnte man den Volksauftand von 1848 nicht vorhersehen. Als Aufständische bereits die Fenster einschlugen, ließ der Chef der Behörde alle archivierten Schriftstücke vernichten.
Auf dem Papier schon aufgelöst, besteht das Ziffernsekretariat bis 1866 als Teil des Außenministeriums weiter. Als das Habsburgerreich den Krieg gegen Preußen verliert und man befürchtet, die kopierten Briefe könnten dem Feind in die Hände fallen, werden erneut tausende Schriftstücke verbrannt. Darüber hinaus entzog Preußen dem Haus Thurn und Taxis die Posteinrichtungen, wodurch die Habsburger den Zugriff auf den Briefverkehr außerhalb ihres Reiches verlieren.
Außerdem musste Kaiser Franz Joseph dem aufstrebenden österreichischen Bürgertum eine Verfassung gewähren, in der dem Briefgeheimnis der Status eines Grundrechtes verliehen wurde und auch die anderen europäischen Mächte schafften die systematische Postüberwachung ab, nicht zuletzt, weil sich die Telegrafie als neue Kommunikationsmethode verbreitete.

Quelle:
GEO Epoche Nr. 67 "Geheimdienste - Die Geschichte der Spionage"
Denn die einen sind im Dunkeln
und die andern sind im Licht
und man siehet die im Lichte
die im Dunkeln sieht man nicht.

- Bertolt Brecht, Dreigroschenoper

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Lexmark (28.08.2014)

Vulpecula

Nachwuchsvampir

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Sonntag, 31. August 2014, 11:38

Hallo,

hochinteressant und soweit ich das beurteilen kann auch sauber recherchiert, aber ich glaube nicht dass sich an diesem System bisher etwas geändert hat.
Allenfalls die Methoden der Überwachungen passten sich stets dem Fortschritt an.
Das Ludwig der Vierzehnte niemandem vertraute, dürfte jedem der seine Biographie kennt so wirklich verwundern.
Ich denke da speziell an die prägende Jugendzeit in der ihm etliche andere Thronaspiranten ans Leben wollten.

Postüberwachung durch die stets mißtrauischen Mächtigen dürfte aber so alt sein wie die Kommunikation per Brief selbst.
Nicht ohne Grund hat man auch in Deutschland das Postmonopol das man einst an Thurn und Taxis vergeben hatte eifersüchtig bis in die heutige Zeit bewahrt.
Auch ohne die Briefe zu öffnen war es manchmal schon sehr aufschlussreich für die staatlichen Spitzel zu wissen wer, wie oft und mit wem korrespondierte.
Erst seitdem der Briefverkehr durch Telefon, FAX, E-Mail etc. auf amtliche Schreiben, Rechnungen, Werbung etc. reduziert wurde liess man auch andere Anbieter ins Briefgeschäft.
Übrigens gilt die internationale Weltpostordnung aus dem 19ten Jahrhundert noch bis heute.

Gruß
Das Füchslein

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