Wurde Friedrich von Schiller ermordert?

  • Die beiden folgenden Links, führen zu einen zweigeteilten Artikel, der auf http://info.kopp-verlag.de erschienen ist. Der Inhalt der Behauptung, die dort aufgestellt wird, ist, dass der berühmte deutsche Dichter Johann Christoph Friedrich von Schiller nicht wie ofiziell angegeben an einer Krankheit gestorben ist, sondern vergiftet wurde.


    Teil 1: http://info.kopp-verlag.de/hin…mordverdacht-teil-1-.html


    Teil 2: http://info.kopp-verlag.de/hin…mordverdacht-teil-2-.html



    Was meint Ihr zu dieser These vom Mord? Versucht man nur den Tod eines berühmten Mannes dunklen Mächten in die Schuhe zu schieben wie so oft in den Verschwöhrungstheorien oder muss die Geschichte umgeschrieben werden?



    Weitere Infos :lookthere: : http://en.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Schiller (englischer Wikipediatext)


    http://de.wikipedia.org/wiki/D…reimaurer_und_Illuminaten (aus der Friedrich-Schiller-Diskussion, deutsche Wikipedia)


    http://www.efodon.de/html/arch…2005_muenzer_schiller.pdf (älterer Text zum Thema)


    http://www.adelinde.net/4600/w…age-im-mordfall-schiller/


    http://www.weltverschwoerung.d…de-schiller-ermordet.html

  • Kopp-Verlag... sagt wohl alles. Ziemlich unhaltbare Spekulationen. Nach Schillers Tod wurde eine Obduktion durchgeführt, die typische Symptome der - damals epidemisch grassierenden - Tuberkulose aufzeigte. Schon 1791 war Schiller schwer erkrankt und klagte u.a. in einem Brief an Christoph Martin Wieland über starke Beschwerden:


    "Demungeachtet wollen mich die Krämpfe des Unterleibes nicht verlassen, das Athemholen bleibt mir immer schwer und manches hat sich eingefunden, was auf ein langwieriges Uebel zu deuten scheint. Ich waffne mich mit Geduld und Ergebung und werde mich in jedes Schicksal finden."


    Auch diese Symptome deuten auf eine beginnende Tuberkulose hin, an der auch einige seiner engsten Bekannten erkrankt waren. Erst 14 Jahre später starb er schließlich, nachdem er trotz gelegentlicher Besserungen seines gesundheitlichen Zustandes seine letzten Lebensjahre mit chronischem Kränkeln verbrachte. Die dramatische Kraft eines Großteils seines Spätwerkes (darunter Maria Stuart oder Wilhelm Tell) schreibt man nicht zuletzt auch diesem Umstand zu. Für Vergiftungen sehe ich keine ernstzunehmenden Indizien.


    santiago

  • Interessant sind seine höllischen bauchkrämpfe. Keine tuberculoseform zeigt solche symptome, auch nicht in der eingangsphase. Das aconit ist für übelkeit und erbrechen, durchfälle und kreislaufzusammenbrüche bekannt. Damals wurde oft mit aconit, belladonna oder arsen vergiftet. Ich weiss nur eines, dass eine tuberculose oder lungenentzündung keine tagelangen bauchkrämpfe nach sich zieht. Entweder er wurde tatsächlich vergiftet, oder er litt an einem darmvirus, denn z.b. der rota-virus ist auch bekannt für extremen brechdurchfall und fieberschübe.


    http://www.rotavirus-info.de/content/e2/index_ger.html


    http://www.gifte.de/Giftpflanzen/aconitum_napellus.htm

  • Ich bin kein Arzt, aber nach meinem Wissen kann eine Urogenitaltuberkulose durchaus Bauchschmerzen und andere derartige Symptome hervorrufen. Beim Überfliegen dieses Kopp-Artikels ergab sich für mich kein sinnvolles Indiz für eine Vergiftung; der Autor zieht vor allem eine angeblich verschlüsselte Botschaft in Goethes "Faust II" zur Untermauerung seiner These heran. Da Textinterpretationen völlig frei sind, solange sie sich nicht an gewisse hermeneutische Prinzipien halten, ist es nicht schwer, aus einem Text alles mögliche zu basteln - vor allem wenn einem über 12.000 Verse zur Verfügung stehen. Auf Grundlage angeblich "geheimer Botschaften" sein Geschichtsbild zu revidieren, ist das übliche Vorgehen von Verschwörungstheoretikern, nicht von Historikern - unabhängig davon, ob Schiller nun vergiftet wurde oder nicht.


    santiago

  • Naja, ob eine urogenital-tbc darmkrämpfe verursacht, glaube ich eher nicht. Der mann war regelmässig krank. Von daher denke ich, dass sein immunsystem nicht das beste war. Da kann es sein, dass folgen von schon bestehenden krankheiten neue infektionen begünstigen, oder aber menschen sich dieses zu nutze machten, damit würde es nicht wirklich auffallen, wenn jemand, der eh oft krank war, auch an einer erkrankung stirbt, die evtl. eine vergiftung gewesen ist. Eigentlich ist es mir egal, was interessant wäre, ist der grund, wieso sollte er überhaupt umgebracht werden, wenn er doch neutral gegenüber freimaurern und illuminati war. Verstehe ich nicht. Wem sollte er solch ein grosser feind gewesen sein, dass man ihn hätte töten müssen??? Ausserdem, wenn ich jemanden loswerden wollte, ginge das doch auch einfacher, als jemanden zu vergiften, sowas kann sich über lange zeit hinziehen. Giftmorde werden doch auch meist durch frauen begangen....???


    Naja, gibt es denn dazu noch mehr quellen? Wie standen andere hohe persönlichkeiten tatsächlich zu ihm?

  • Zitat

    ob eine urogenital-tbc darmkrämpfe verursacht, glaube ich eher nicht


    Darmkraempfe vielleicht nicht, Unterleibsschmerzen sicherlich! Schonmal ne Blaseninfektion gehabt? Das sind Schmerzen, die vergisst Du so schnell nicht, und fuer einen Laien von Dramkraempfen kaum zu unterscheiden.

    Tina

    Wenn Du Hufe hoerst, dann erwarte zuerst einmal Pferde, keine Zentauren!


    Jeder, der an Telekinese glaubt, hebt bitte meine Hand!

  • Ich habe in einem Blogeintrag eine etwas genauere Ausführung zur "geheimen Botschaft" gefunden, die Armin Risi entdeckt haben will. Angesprochen werden fünf Verse aus der "Klassischen Walpurgisnacht" (Zweiter Akt) im Faust II, ab Vers 7660. Der Sprecher dieses Parts sind die "Kraniche des Ibykus", angeblich eine Anspielung auf die gleichnamige Ballade von Schiller. Armin dekonstruiert die Zeilen folgendermaßen:


    aengstlich fluegelflatterschlagen > Schiller
    bleiben die Buchstaben: aengst ch fluegelflatt agen > Fluch gegen
    bleiben die Buchstaben: aengst elflatt a > Engel
    bleiben die Buchstaben: ast flatt a > Fatalstat (= Mord)


    welch ein aechzen, welch gestoehn > Welche gesehn
    in aechzen, welch to > lechzen
    in a we ch to > Aconit weh


    dringt herauf zu unsern hoehn > Gift
    dr n herau zu unsern hoehn > Herz Haus
    dr n u unern oehn > und Urne
    rn oehn > er ohn’n


    alle sind sie schon ertötet > Schiller
    a e snd sie on tötet > sie töteten
    a s d on > so da n


    see von ihrem blut geroethet > Goethe
    see von ihrem blut ert > Blut Ehre von
    see im rt > ist Meer


    Zusammengefasst also:


    Fatalstat: Fluch gegen Engel Schiller.
    Welche Aconit gesehn, wehlechzen.
    Gift: er ohn’ Herz und Urnenhaus,
    So töteten sie da Schillern.
    Goethe: Ehre ist Meer von Blut


    Dazu bemerkt Risi noch:


    Zitat von Armin Risi

    wie Goethe den verborgenen Satz konstruierte, indem er das künstliche Wort „ertötet“ schuf. Ohne Verschlüsselung hätte er einfach „getötet“ schreiben können. Er benötigte die Buchstaben „er“ jedoch für die Codierung des Namens von Schiller!


    Und:


    Zitat

    Schillers Ballade Die Kraniche des Ibykus handelt erstens ebenfalls von einem gotterfüllten Dichter, der ermordet wird


    Schauen wir uns nochmal Risis "Lösung" an. Zunächst wurde der erste Vers dieser Sprechrolle ("Mordgeschrei und Sterbeklagen", 7660) kurzerhand weggelassen, ohne dass dies begründet wird. Darüberhinaus gibt es sprachliche Ungereimtheiten. Nach gutem Deutsch klingt dieses Kauderwelsch ohnehin nicht, aber auch die Wortwahl ist an vielen Stellen fragwürdig. Goethe hat zu keiner Zeit in der bekannten Korrespondez von Schiller als einem "Engel" gesprochen, diese offensichtliche christliche Metaphorik würde zum späteren Goethe der Naturmystik auch überhaupt nicht passen. Risis Herleitung aus Schillers Ballade ist nicht überzeugend, denn Ibykus ist auch bei Schiller kein Engel (diese spielen in der Antikenrezeption des Klassizismus ohnehin keine Rolle), sondern war ein real existierender griechischer Dichter aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. Dessen Ermordung, bei dem nur ein Kranichzug Zeuge gewesen sein soll, war eine seinerzeit sehr bekannte Sage, die zum Bildungsfundus damaliger Humanisten gehört haben dürfte, Schiller und Goethe also gleichermaßen bekannt war. Wenn Goethe die Kraniche hier auftreten lässt, muss das nicht unbedingt eine Anspielung auf Schiller sein. Möglich ist es dennoch, dann aber wohl eher als spätes Tributzollen an seinen Künstlerkollegen, der seine Ballade in der Zeit schrieb, als Goethe und er im "Balladenwettstreit" miteinander standen (und sehr produktiv zusammenarbeiteten). Zudem behandelt Schillers Ballade nicht einfach nur die "Ermordung eines Dichters", sondern ist im Kontext seiner schauspieltheoretischen Überlegungen zu verstehen - die Ballade drückt den Gedanken des Theaters als moralischer Instanz aus, wie Schiller in seiner Abhandlung "Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet" 1784 bereits ausgeführt hat.
    Das Wort "Fatalstat" ist mir trotz - meine ich - ganz guter Kenntnisse der deutschen klassischen und mittelalterlichen Literatur noch nie untergekommen, und weder eine Google-Suche, noch das Durchblättern älterer Lexika und Wörterbücher erbrachte ein Ergebnis. "Fatalstat" wird hier kurzerhand mit "Mord" gleichgesetzt, ohne dass eine Herleitung dafür gegeben wird. Vermutlich handelt es sich um ein reines Unsinnswort, das irgendwie schön altertümlich klingt und benötigt wird, um der Zeile "Sinn" zu verleihen (Ob man einen Fluch gegen jemanden anwenden kann und nicht auf ihn, kann man sich auch fragen...).
    Selbiges gilt für das Wort "wehlechzen". Es ist mir völlig unbekannt. Ich habe hier das Gesamtwerk Goethes digital sowie in Buchform und konnte es an keiner Stelle finden. Auch eine Google-Suche erbrachte nichts. Das Wort scheint zu dieser Zeit ungebräuchlich gewesen zu sein; es macht auch wenig Sinn, denn "lechzen" ist ja das starke Verlangen nach etwas, und die Vorsilbe "weh-" verweist auf etwas schmerzhaftes, unangenehmes. Überhaupt ist die Zeile "Welche Aconit gesehen, wehlechzen" völlig sinnlos. Wer hat Aconit "gesehen"? Was bedeutet das an sich unsinnige Wort "wehlechzen", wenn es einfach durch ein Komma hintenan gestellt wird? Die dritte Zeile macht nicht mehr Sinn, zumal das Wort "Gift" hier ohne Kontext eingeschoben wird. Angeblich verweist Goethe hier darauf, dass Schillers Herz entnommen worden sei ("ohn' Herz und Urnenhaus" - macht auch keinen Sinn, das würde ja heißen, er hatte weder ein Herz noch ein Urnenhaus. Ein Urnenhaus "hat" man aber nicht, da "ist" man). Dafür gibt es keinen Beleg, und auch der Autopsiebericht spricht davon nicht - im Gegenteil, der Arzt geht deutlich auf das Herz ein, wenn auch aus heutiger Sicht merkwürdig formuliert. Wir befinden uns hier aber auch im frühen 19. Jahrhundert.
    Was die letzte Zeile betrifft, ist, glaube ich, deutlich zu erkennen, wie hier ein völlig wirrer Satz zu kreieren versucht wurde, indem man altmodisch anmutende Wörter aneinander reihte. Das Wort "Goethe" zu bilden ist nicht schwer, weil der Name nur aus sechst Buchstaben besteht und diese alle häufig genutzt werden. "Ehre ist Meer von Blut" klingt zwar schön pseudo-poetisch, ist aber ziemlich hohl und aussagelos - und für den Bericht über einen angeblichen Mord einfach überflüssig.
    Zur Behauptung, Goethe habe das Wort "ertöten" erfinden müssen, um die verschlüsselte Botschaft unterzubringen: das ist nachweislich falsch. Zunächst hat Goethe (wie alle großen Dichter) immer wieder Wörter erfunden, wenn er aus dem üblichen Fundus nichts Passendes fand, um auszudrücken, was er ausdrücken wollte. Das allein wäre also noch keine Besonderheit. Das Wort "ertöten" ist jedoch nicht Goethes Erfindung, sondern schon seit dem Hochmittelalter belegt und bis in die jüngere Neuzeit gebräuchlich. In der Luther-Übersetzung der Korintherbriefe findet sich zum Beispiel die Stelle: "Siehe, wir leben; als die Gezüchtigten und doch nicht ertötet". Auch im Duden findet sich das Wort mitsamt mittelhochdeutscher und althochdeutscher Herleitung.


    Wenn wir also nur mal die Textevidenz anschauen, sehe ich hier nur, dass zwanghaft versucht wurde, einen halbwegs sinnvollen Satz zu konstruieren, um die These von der Ermordung durchboxen zu können. Die angeblich geheime Botschaft ist zu weiten Teilen sinnlos und sprachlich eines Goethe nicht würdig. Nicht Goethe hat Wörter erfunden, sondern Risi, um einen halbwegs sinnvollen Satz zu konstruieren. Dafür, dass hier überhaupt eine Geheimbotschaft versteckt wurde, gibt es keinerlei Hinweis, von der möglichen Betitelung der Sprecherrolle (die aber auf einen antiken Mythos verweist!) mal abgesehen. Jetzt könnte man noch die anderen Aussagen Risis überprüfen, z.B. was die Illuminaten betrifft (Goethe war auch einer, ob er mit der Ermordung seines Freundes so einverstanden gewesen wäre? ;) ), aber dazu habe ich gerade keine Lust. Wie bei allen Verschwörungstheorien ergibt sich hier ohnehin das Problem, dass immer mehr abenteuerliche Behauptungen als Prämissen herangezogen werden müssen, um eine geheime Botschaft plausibel erscheinen zu lassen - bis man am Ende eine Verschwörung solch enormen Ausmaßes hat, dass man sich fragt, wieso sich dafür nur Kauderwelsch-Botschaften in Anagrammen finden lassen. Wer selbst sehen will, was sich mit Anagrammen - also der Verschiebung von Buchstaben - so alles anstellen lässt, kann mal einen Anagramm-Generator ausprobieren (der aber leider keine ganzen Textstellen zulässt). Hier und da ein bisschen feilen, die passenden Verse raussuchen, ein paar Wörter dazuerfinden und schon hat man seinen "Mord"...


    santiago