Erdogan und die Türkei

  • Hallo zusammen,


    ich möchte hier eine Diskussion lostreten über ein Thema, bei dem ich selbst viele Fragen habe. Es geht um die Veränderungen in der Türkei in letzter Zeit.
    Staatliche Schulen werden zu Koranschulen, Internetportale werden vom Staat gesperrt, Frauen wird nahegelegt doch nicht in der Öffentlichkeit zu lachen.


    Hinzu kommt, dass die Türkei sich immer weiter vom Westen entfernt. Von einer möglichen EU-Mitgliedschaft ist nicht mehr die Rede.
    Dagegen ist Istanbul eine der größten und modernsten Städte der Welt.
    Dennoch scheint ein großer Teil der Türken mit der Regierung auf einer Linie zu gehen. Erdogan hat beste Chancen wiedergewählt zu werden und auch die in Deutschland lebenden Türken, von denen ich eine Äußerung zu dem Thema gehört habe, stimmen seinem Regierungsstil zu.


    Wer von euch hat eine Erklärung, wie diese Entwicklung in einem modernen Staat möglich ist? Und insbesondere: Warum Erdogan trotz allem so beliebt ist?


    MfG
    Spire

  • Wer von euch hat eine Erklärung, wie diese Entwicklung in einem modernen Staat möglich ist?

    Eine Erklärung gibt es vermutlich nicht.
    Niemand lernt aus der Geschichte, weshalb sie sich wiederholt.


    Im Iran regierte der Schah und das Land modernisierte sich und war freizügig. Dann wollte das Volk das Kalifat und dementsprechend ist das Land nicht mehr freizügig.


    In Ägypten wurde Mursi "demokratisch" gewählt, und später hatte die Bevölkerung doch keinen Bock mehr auf die Muslimbruderschaft. Aber mit dem derzeitigen Regime sind sie auch nicht zufrieden.


    In der Türkei nähert sich Erdogan wieder Syrien mit dem Einschleusen von "Kämpfern", seitdem der Krieg gegen Assad läuft. Hier lässt sich nur vermuten, dass Erdogan die Wahl gewinnt, weil das Volk Angst vor Krieg hat, welcher auf die Türkei übergreifen könnte. Des weiteren dürften die Einschränkungen in der Türkei mit ISIS zusammenhängen, um vorzubeugen, dass der Krieg nicht in die Türkei kommt.
    Aber das ist nur eine Vermutung!

  • Ein unsicheres Volk ist leider geneigt dazu autoritäre Politik zu wählen. Deswegen wird auch oft zur Angstpolitik zurückgegriffen. Zudem war die türkische Bevölkerung schon immer gespalten, ob Links - Rechts, Türken - Kurden, Säkularisten - Islamisten, Sunniten-Aleviten, etc. Dabei hat Erdogan Nutzen aus dem grössten gemeinsamen Nenner der Bevölkerung gezogen - der Religion - und konnte durch den autoritären Führungsstil viele gespaltene Gruppierungen zusammenführen, was aber die Spaltung der Säkularisten und Islamisten radikalisiert hat.



    (Staatschef-Wahlen 2014)


    Hier sieht man die Spaltung deutlicher.


    Gelb: Islamistisch
    Blau: Säkular
    Violett: Sozialistische, kurdisch


    So leicht wird es Erdogan und die AKP auch in Zukunft nicht haben, denn nichtsdestotrotz haben die Türken trotz allem noch eine ernstzunehmende Opposition aufgebaut, was auch deutlich aus der Grafik ersichtlich ist.

    „Wir sind eine Gesellschaft notorisch unglücklicher Menschen ..., die froh sind, wenn es ihnen gelingt, die Zeit "totzuschlagen", die sie ständig zu sparen versuchen.“


    „Vor allem müssen die Gesellschaftsformen, die der Liebe in Wege stehen, durch solche ersetzt werden, die sie fördern.“


    „Wissen beginnt mit der Erkenntnis der Unzuverlässigkeit der Wahrnehmungen, mit der Zerstörung von Täuschungen, mit der "Ent-täuschung".“


    Erich Fromm