Der Nandi-Bär

  • Die Nandi sind ein Urvolk in Kenia im Osten Afrikas. Ähnlich wie bei den bekannterern Massai besteht ihre Lebensgrundlage traditionell in der Viehzucht, teilweise wird auch Ackerbau betrieben. Die Gebräuche und Lebensweise der Nandi sind sehr konservativ, mit Ablehnung von Promiskuität und vorehelichem Sex.
    Nach diesem Volksstamm ist eines der interessantesten Mythentiere Afrikas benannt, der Nandi-Bär. Dieser Name stammt von den Europäern, die Ureinwohner kennen die Kreatur u.a. als „Chimisit" oder „Chemosit“. Hierbei soll es sich um eine Art Bär handeln, der Jagd auf Vieh und Menschen macht(der Legende nach soll der Nandi-Bär nur in Nächten ohne Mondschein auf die Jagd gehen und eine besondere Vorliebe für menschliche Gehirne besitzen. Der Legende nach...). Interessant ist dieser Mythos insofern, als dass auf dem afrikanischen Kontinent mit Ausnahme des ausgestorbenen Atlasbären in Nordafrika niemals Bären gelebt haben.
    Abgesehen von den Berichten der Nandi gehen die ersten Sichtungen dieser Kreatur auf die weißen Kolonialherren Anfang des 20. Jahrhunderts zurück. Geoffrey Williams beschrieb als erster Europäer den Nandi-Bär als 1,5 Meter hoch, nur an den Beinen und am vorderen Teil des Körpers behaart, mit einer länglichen Schnauze und kurzen Ohren. Britische Arbeiter, die in Ostafrika Eisenbahnstrecken bauen sollten, berichteten von Angriffen, der Eisenbahningenieur G. W. Hickes kam 1913 in Kontakt mit dem Nandi-Bär. Anfänglich noch in dem Glauben, es handele sich um eine Hyäne, stellte er bald fest, dass das Tier so groß wie ein Löwe, allerdings viel gedrungener und im Besitz eines kurzen Halses, einer stumpfen Nase und kurzer Ohren war. Außerdem war das Fell des Tieres so lang, dass es bis zum Boden reichte. Der Kolonialbeamte William Hichens wurde von einem Nandi-Bären durch sein Zimmer gejagt und konnte das Tier nur durch einen Schuss in dessen Leib vertreiben.
    Für die (Nicht-)Existenz des Nandi-Bären gibt es verschiedene Theorien und Denkansätze:

    • Legende eines Naturvolkes
      Die Nandi haben den Chemosit nur erfunden, so wie auf der ganzen Welt der Aberglaube verrückte Ideen hervorbringt. Die Briten haben in der kenianischen Hitze in einer vollkommen unbekannten Umgebung nur gesehen, wozu sie die Märchen der Nandi inspiriert haben.
    • Verwechslung
      Der Nandi-Bär existiert nicht, bei den Sichtungen der Europäer handelt es sich um Verwechslungen mit anderen Tierarten der reichen Fauna Ostafrikas. So werden hinter dem Nandi-Bär sowohl Löwen, Hyänen und Primaten(eher wahrscheinlich) als auch Honigdachse, Zibetkatzen, Riesenwaldschweine, Afrikanische Wildhunde und Erdferkel(eher unwahrscheinlich) vermutet. Die Nandi selbst halten den Chemosit für einen riesigen Pavian.
    • Lebendes Fossil
      Der Nandi-Bär ist eine letzte Art einer ausgestorbenen Tiergattung. Hier könnten das Chalicotherium, auch "Krallentier"(seit 7,75 Millionen Jahren ausgestorben), die Riesenhyäne Pachycrocuta brevirostris aus dem Pleistozän(seit 500 000 Jahren ausgestorben), der vorzeitliche Bär Agriotherium(seit 2,5 Millionen Jahren ausgestorben) oder der Atlasbär(im 19. Jahrhundert ausgestorben) in veränderter Form bis in die Gegenwart überlebt haben. Allerdings ergeben sich hierbei einige Unstimmgkeiten hinsichtlich der Lebensräume, war beispielsweise der Atlasbär nur in Nordafrika beheimatet.



    Quellen:
    Kryptozoologie online
    Prehistoric Fauna (tolle Seite mit zahlreichen Rekonstruktionen und Steckbriefen zu ausgestorbenen Tierarten)
    "Mysterious Creatures: A Guide to Cryptozoology" von George M. Eberhart
    Cryptozoology A To Z: The Encyclopedia Of Loch Monsters Sasquatch ... von Loren Coleman,Jerome Clark
    Youtube: Geheimnisvolle Erde #001 Nandi-Bär (nettes Video, aber schlecht recherchiert; das eingeblendete Bild von dem Bären ist ein Kurznasenbär, kein Agriotherium)
    Wikipedia: Nandi - Chalicotherium - Agriotherium - Atlasbär

    Denn die einen sind im Dunkeln
    und die andern sind im Licht
    und man siehet die im Lichte
    die im Dunkeln sieht man nicht.


    - Bertolt Brecht, Dreigroschenoper

  • Vielleicht sollte ich noch meine eigene Stellungnahme zu den Theorien anfügen. Die erste Theorie halte ich nicht für plausibel, weil selbst Legenden und Mythen irgendwo noch einen wahren Kern haben, in diesem Fall irgendein Vorbild aus der Tierwelt. Das führt weiter zum nächsten nächsten Ansatz, der Verwechslungstheorie.
    Wie ich oben schon eingeschränkt habe, sind die einzigen Tiere die ich als mögliches Vorbild für den Nandi-Bär in Betracht ziehen kann, Hyänen, Löwen oder Primaten, die bevorzugt auf vier Beinen laufen. Eine Verwechslung mag eine Begründung für die Berichte der Europäer sein, nicht aber für die der Nandi, die als Naturvolk mit der ostafrikanischen TIerwelt vertrauter sind als jeder andere.
    Die Möglichkeit, dass sich hinter dem Nandi-Bär eine längst ausgestorbene Tierart verbirgt, will ich nicht völlig von der Hand weisen, allerdings halte ich sie für unwahrscheinlicher als die Verwechslungstheorie. Auf dem afrikanischen Kontinent, der jährlich von tausenden Safaritouristen und Naturfilmern besucht wird, wurden in den letzten 80 Jahren nur zwei nennenswerte Großtiere entdeckt, das Wüstenwarzenschwein und das Graugesichtige Rüsselhündchen. Dass sich also eine Jahrmillionen alte Tierart in Afrika bis heute erfolgreich verteckt, hakte ich für weniger wahrscheinlich als eine mögliche Verwechslung.

    Denn die einen sind im Dunkeln
    und die andern sind im Licht
    und man siehet die im Lichte
    die im Dunkeln sieht man nicht.


    - Bertolt Brecht, Dreigroschenoper