Evolutionäre Anachronismen: Aus der Zeit gefallene Arten

  • Rund um den Globus gibt es Arten (Tiere und Pflanzen) mit bestimmten Anpassungen, wo man sich bei genauerum hinsehen fragen: Warum?

    Warum haben Avocados so große Kerne? Und warum ist der Gabelbock so schnell? Was bringt ihnen das? Ist das nicht unnütz, oder gar hinderlich?


    Die Antwort liegt in der Vergangenheit:

    Die Anpassungen dieser Arten hatten früher sehr wohl eine Relevanz. Nur sind die Kollegen, auf die diese Anpassungen abzielen, ausgestorben.

    Daher nennt man solche Arten Evolutionäre Anachronismen. Sie passen nicht mehr so richtig in die heutige Zeit. In vielen Fällen wäre auch ihre Uhr schon abgelaufen - wäre da nicht der Mensch...


    Aber gucken wir uns mal ein paar dieser Evolutionären Anachronismen an:


    Die Avocado hat einen Golfball-großen Samen um hüllt von viel fettem Fruchtfleich.

    Die Frucht fällt unreif vom Baum und reift dann auf dem Boden liegen nach. Wenn dann nichts passiert bleiben die Samen direkt unter der Mutterpflanze. Der Baum scheint es also drauf anzulegen, dass irgendwer die Früchte und Samen weiterträgt. Aber wer schluckt schon einen Golfball? Manchmal tragen Agutis den Kern weg; noch seltener fressen Jaguare die Frucht und schlucken den Kern. Aber darauf kann man sich als Pflanze ja nicht wirklich verlassen.

    Des Rätsels Lösung ist hier (sowie auch bei eigentlichen allen nachfolgenden Beispielen) die ausgestorbene Megafauna. Reisenfaltiere, wie Eremotherium, waren groß genut um die Avocados halbzerkaut zu verschlucken - und den Kern irgendwo anders wieder auszuscheiden. Nach deren Aussterben vor höchsten 11.000 Jahren war wohl der Mensch der Hauptverteiler. Die Avocados wurden dann später von den präkolumbianischen Völkern kultiviert und verbreitet.

    Wenn Eremotherium 10.000 Jahre früher ausgestorben wäre hätten wir heute also vielleicht keine Guacamole. :huh:


    Der Nordamerikanische Gabelbock - auch Pronghorn genannt - ist nach dem Geparden das schnellste Tier auf dem Land.

    Die Biester erreichen Geschwindigkeiten bis zu 70km/h und können diese auch länger durchhalten. Kein anderes Tier auf dem Amerikanischen Kontinent ist auch nur annähernd so schnell. Wölfe, Bären und Kojoten erbeuten nur Jungtiere und kranke Exemplare, oder mal eines aus dem Hintergrund. Im offensiven Angriff haben sie aber nicht den hauch einer Chance - und hätten ihn auch nicht, wenn der Gabelbock langsamer wäre. Warum ist er also so schnell? Das liegt wohl an dem ausgestorbenen Amerikanischen Geparden (nicht näher mit heutigen Geparden verwandt, aber ähnlich gebaut und schnell).


    Komodowarane sind die größten Echsen.

    Sie kommen nur auf einigen der kleinen Sundainseln vor und fressen alles, was sich bewegt. Hauptbeute der Ausgewachsenen Exemplare (bis zu 3m lang und 80kg schwer) sind Wildschweine, Wasserbüffel und Mähnenhirsche. Für den Bestandsrückgang der Komodowarane wird hauptsächlich der Rückgang dieser Beutetiere verantwortlich gemacht. Das kuriose: keiner dieser Arten ist ursprünglich auf den Inseln heimisch. Sie wurden alle von den Menschen eingeschleppt, während der Komodowaran schon Jahrtausende auf den Inseln gelebt hat. Sie haben die Hauptbeute des Warans - die ausgesorbenen Zwergelefanten (Stegodonten) - ersetzt und ersterem somit die Existenz verlängert.

    Nach neueren Untersuchungen hat der Komodowaran sowas aber schon einmal hinter sich: Er scheint nicht durch Inselgigantismus entstanden zu sein, sondern viel früher auf dem Australischen Festland mit anderen riesigen Waranarten (u.A. Megalania) als Antwort auf die dort herrschende Megafauna der Beuteltiere. Das heißt dann, der Komodowaran war schon ein Evolutionärer Anachronismus, als er auf Flores Minifanten verspeist hat...

    Es gab übrigens Überlegungen den Komodowaran in Australien auszuwildern um dort die Populationen von Hirschen, Wildschweinen und Wasserbüffeln einzudämmen.


    Der Dung-Käfer Helictopleurus giganteus ist die größte auf Madagaskar lebende Dung-Käfer-Art.

    Und sie ernährt sich nur von den Ausscheidungen einer einzigen Art: dem Menschen. Dieser ist aber erst vor 2.000 Jahren auf Madagaskar an. Davor (und auch noch 1.500 Jahre danach) waren die die Ausscheidungen der Riesenlemuren (u.A. Megaladaptis) die Existenzgrundlage des Käfers. In den letzten 500 Jahren hat er aber nur menschlicher Basis überlebt.


    Der Kalifornische Kondor gehört mit einer Flügelspannweite von bis zu 3m zu den größten flugfähigen Vögeln. Und das als Aasfresser.

    Im 20ten Jahrhundert nahmen die Bestände drastisch ab. In den 80ern war der Vogel praktisch ausgestorben. Alle 27 (!) überlebenden Vögel wurden eingefangen und durch ein spezielles Zuchprogramm existieren heute wieder 450 Tiere - 270 davon in freie Wildbahn.

    Aber auch vor einwirken der Europäer ging es dem Vogel nicht wirklich gut. Fossilen Funden zufolge war er einst über Großteile des Nordamerikanischen Kontinents verstreut. Mit schwinden der Megafauna schwand auch der Kondor. Klar, ein so großer Aasfresser setzt darauf, dass es großes Aas zum fressen gibt.

    Überlebt hat der Kondor an der Pazifikküste, da er sich hier auf das auffinden von angeschwemmten Meeressäugern, wie Walen und auch Robben, spezialisiert hat.

    Es gibt die Theorie, dass nicht das verschwinden der Beute, sondern das verschwinden von noch größeren Aas-Vögeln den Kalifornischen Kondor in Bedrängnis gebracht hat. Demnach haben andere Arten, wie die mit der Megafauna ausgestorbenen Teratornis oder der Gymnogyps Amplus, die Kadaver von großen Tieren aufgebrochen, wodurch der kleine Kalifornier sie besser verwerten konnte. Solche Synergien gibt es heutzutage noch bei Afrikanischen Geiern.

    Dies würde dann auch erklären, warum sich der Kalifornische Kondor mit der Robben-Diet gehalten hat: die sind ja vergleichsweise weicher und so leichter aufzubrechen.

    Das beißt sich aber etwas mit der ausgewilderten Kondorpopulation im Grand Canyon. Dort gibt's ja bekanntlich weniger Meeressäuger; die Kondore ernähren sich dort auch vom Aas von Rinderherden.



    Es gibt noch viele weitere Beispiel, auch bei Wiki.

    Auffällig ist, dass die viele mit dem Verschwinden der Megafauna vor rund 10.000 Jahren zusammenhängen.


    lg Davy

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