Das Ding aus einer anderen Welt (1982)

  • „Die Maskenbildner, die inzwischen offenbar auf Schlachthöfen in die Lehre gehen, leisten Unglaubliches“, urteilte Hellmuth Karasek völlig zu Recht – und damit meinte er nicht das x-te Rundum-Lifting von Cher, sondern die tricktechnischen Meisterleistungen des vielleicht besten Films von John Carpenter. Tatsächlich besticht Das Ding aus einer anderen Welt nicht nur durch eine atmosphärisch dichte Story und nervenzerfetzende Spannung, sondern auch durch geniale Monsterdesigns, die selbst nach über zwei Jahrzehnten und der digitalen Revolution keinerlei Patina angesetzt haben. Ganz im Gegenteil: Kein Cyber-Monster aus den ILM-Studios kann es mit den wunderbar-ekelig gestalteten Ungeheuern aufnehmen, an deren Realisierung unter anderem der berühmte Stan Winston („Terminator“, „Predator“) mitwirkte. Doch der Reihe nach.


    Endlose Eiswüsten, Kälte, die an jeglicher Wärme nagt, Einsamkeit am unwirtlichsten Ort auf Erden- Plötzlich ein Geräusch. Ein rasch sich nähernder Punkt taucht am Horizont auf, etwas, das nicht dorthin gehört. Etwas von Menschenhand gefertigtes. Ein Hubschrauber. Einer der beiden Insassen ist mit einem Gewehr bewaffnet und schießt, scheinbar völlig unmotiviert, auf einen fliehenden Schlittenhund.
    Das Tier hat Glück: Es findet auf dem Areal einer amerikanischen Basis Schutz. Verdutzt beobachten die durch die Schüsse aufgeschreckten Forscher, wie der Hubschrauber landet und einer der Insassen versehentlich den Hubschrauber in die eiskalte Luft jagt – und dennoch unbeirrt versucht, den Hund zu töten.
    Als einer der Schüsse (unbeabsichtigt) einen der Amerikaner trifft, wird der Schütze kurzerhand erschossen. Wie sich alsbald herausstellt, handelte es sich um „Nachbarn“ einer norwegischen Forschungsstation. Wie ein Abstecher zu dieser Station zeigt, sind alle Bewohner tot. Anfangs hegen die Amerikaner die Vermutung, sie wären von den scheinbar amoklaufenden Hubschrauber-Insassen ermordet worden. Doch anhand grausiger Funde und diverser Videoaufzeichnungen wird rasch klar, wer die Norweger auf dem Gewissen hat: Ein außerirdischer Organismus, dessen havariertes Raumschiff die unglücksseligen Europäer gefunden haben, tötete einen nach dem anderen.
    Es dauert nicht lange und die Amerikaner erkennen, dass der von den Norwegern gejagte Hund diesen Organismus in sich trug – und vielleich einen von ihnen infiziert hat. Das Perfideste an dem Monstrum aus dem All: Es kann jegliche Gestalt annehmen und ist somit nicht unterscheidbar von Freund und Feind. Ist der beste Kumpel noch ein Mensch oder ein Replikat, das nur darauf wartet, sich deiner zu bemächtigen?


    Als Carpenters Remake des 1951 entstandenen, gleichnamigen Howard-Hawks-Klassikers in die Kinos kam, waren die Einspielergebnisse genauso ernüchternd wie die Kritiken. Erst Jahre später avancierte Das Ding aus einer anderen Welt zu einem der größten Klassiker des SF-bzw. Horror-Genres. Die Gründe für die Ablehnung durch Kritik und Publikum dürften rasch gefunden sein: Zum einen hatte im gleichen Jahr Spielbergs unerträglich schmalziger E. T. die Herzen von Millionen Zuschauern weltweit erobert, die mit dem garstigen, hässlichen Alien in der Antarktis wenig anzufangen wussten. Zum anderen war Carpenters Film düster und bar jeglicher Hoffnung. Und das in den 80ern, als man in grellen Plastik-Klamotten zu billiger Disco-Musik so etwas ähnliches wie tanzen versuchte, Science Fiction (mit Ausnahme von Alien ) fröhlich-bunt mit einem Happyend-Glitzerpapier eingewickelt wurde und Blut und Innereien auf der großen Leinwand nichts zu suchen hatten.


    Verdientermaßen erntete Das Ding aus einer anderen Welt schlussendlich doch noch den verdienten Lohn.
    Die 1951er-Version basierte zwar lose auf der 1938 entstandenen Kurzgeschichte „Who goes there?“ von John Campbell, einem Autor und Redakteur eines Science-Fiction-Magazins, unter dessen Fittichen etwa ein Robert Heinlein seine ersten Sporen verdiente, ohne jedoch das Kernelement der Paranoia gelungen umsetzen zu können. Obgleich der Film zweifellos sehenswert ist und Spaß macht, stellt er doch einen harmlosen SF-Film dar, dessen Monster – ein Mann in seltsamem Kostüm, der sich mit Grunzlauten artikuliert; also so etwas ähnliches wie ein MTV-Moderator – eher belustigend als beängstigend wirkt.


    John Carpenter, damals noch ein Jungspund, der bereits mit Frühwerken wie Halloween oder Flucht aus New York riesige Erfolge feiern und eine treue Fangemeinde (darunter der Autor dieser poetischen Zeilen) um sich scharen konnte, hielt sich weitaus enger an Campbells Vorlage. Wobei die Parallelen zu Alien unübersehbar sind: Eine Gruppe Menschen, von denen keiner der in SF-Filmen übliche geniale Wissenschaftler ist, der gegen Schluss des Films eine Methode findet, das Monster zu vernichten, sieht sich dem völlig Unbekannten gegenüber und kann auf keinerlei Hilfe von außen hoffen. Hier – ein unbedeutender Raumfrachter, Lichtjahre von der nächsten Raumstation entfernt – wie dort – eine Forschungsstation inmitten der Antarktis – sind die Akteure völlig auf sich allein gestellt und müssen verhindern, dass der unliebsame Besuch von den Sternen überleben und somit die gesamte Menschheit gefährden kann.


    Das wichtigste Spannungselement in beiden Filmen ist dabei die Frage, wo sich das Monster befindet: Während es sich in Alien zwar perfekt in den Lüftungsschächten oder inmitten des technischen Equipments verstecken, jedoch nicht seine Form ändern kann, herrscht in Das Ding aus einer anderen Welt Ungewissheit, wer noch Mensch, und wer bereits Monster ist.


    Vielfach wurde kritisiert, dass die Bewohner der Forschungsstation praktisch überhaupt nicht charakterisiert werden. Ich halte dies jedoch – ausnahmsweise! – für eine der Stärken des Films, denn dadurch wird es auch dem Zuschauer unmöglich, zwischen den Individuen zu unterscheiden. Aus keiner Geste oder Mimik lässt sich ablesen, wer von den Männern infiziert ist, denn man weiß nichts von ihnen. Und das ist auch beabsichtigt: Dort, wo sich Individualität in der gesichtslosen Gruppe auflöst, ist die Paranoia am größten.
    Und wenngleich das Monster (zwischenzeitlich) seine menschlichen Wirte verlässt und seine hässlichen Fratzen zeigt, so hat die Bedrohung kein einheitliches Gesicht, keinen eindeutigen Angriffspunkt: Das Monster ist nicht mehr ein unliebsames Wesen, mit dem man Augenkontakt halten und mit Waffengewalt töten kann – das Monster verliert in der gesichtslosen Masse an unmittelbarer Nähe und wird dadurch unangreifbar.


    Kompromisslos greift Carpenter dabei in die Vollen: An keinen Ekeleffekten wird gespart, keine Klischees werden aufgegriffen, kein überraschendes Deus-ex-Machina-Ende lässt den Zuschauer erleichtert vom Fernseher aufblicken. Wer ein „Feel good“-Movie sucht, sollte um Das Ding aus einer anderen Welt einen weiten Bogen machen.


    Sehr ironisch ist die Anfangssequenz, als der den Schlittenhund jagende Norweger den Amerikanern die Warnung entgegenbrüllt, dass es sich bei dem Hund um keinen echten Hund, sondern ein ihn imitierendes Wesen handle. Leider versteht keiner der Amerikaner den Mann, der übrigens Haube und Skibrille trägt und somit das Grundmotiv des Films – die Gesichtslosigkeit – auf sehr metaphorische Weise vorwegnimmt.


    Das Ding aus einer anderen Welt kann man getrost als einen der besten Monster- wie auch Science-Fiction-Filme betrachten und sollte in der uncut-Version auf DVD genossen werden, da die immer wieder mal ausgestrahlte Fernsehfassung durch die vielen Schnitte teilweise keinen Sinn – und vor allem keinen Spaß – macht.
    Zarte Gemüter sollen jedoch nicht behaupten, ich hätte sie nicht gewarnt! Die Worte unseres schöngeistigen Freundes Karasek sind nicht übertrieben…

  • Den solltest du dir aber keinesfalls im Fernsehen anschauen, da diese Versionen stark beschnitten sind. Ich kann die erst kürzlich erschienene DVD nur empfehlen - die ist ungeschnitten (wenngleich, wie üblich, im Gegensatz zur am. Version quasi ohne Bonus-Material :roll: ).