Beiträge von ad_santiago

    Zitat

    Gestern hat übrigens eine radioaktive Wolke Deutschland überquert.....


    Offenbar nicht, denn das BFS hat bis jetzt keine erhöhten radioaktiven Werte registrieren können. Sie rechnen aber damit, dass die Wolke noch vor Ende des Monats hier eintrifft. Auf ihrer Homepage haben sie ein paar Informationen zur Atomkatastrophe in Japan zusammengestellt.

    Die raumfahrer-Seite funktioniert wieder.
    Andersich bezog sich vermutlich auf folgenden Abschnitt:


    Zitat

    Forscher der Technischen Hochschule in Zürich haben jetzt belegen können, dass es in Bäumen auch Ebbe und Flut gibt. Die Biologen haben dafür tropische Bäume untersucht. Mit einer Apparatur maßen sie den Durchmesser der Pflanzen auf Hundertstel Millimeter genau. Das Ergebnis zeigt ein schwellen und schrumpfen der Bäume im Rhythmus der Gezeiten. Der Zweck dieses Naturschauspiels ist aber noch ungeklärt.


    Leider ist für diese Behauptung keine Quelle angegeben (unseriös!), aber im Zeitalter von Google und co. ist das ja kein großes Problem. Der von mir bereits erwähnte Ernst Zürcher hat 1998 in der Zeitschrift Nature eine Untersuchung mit dem Titel "Tree stem diameters fluctuate with tide" veröffentlicht, in der er die genannten Ergebnisse vorstellte. Interessanterweise handelt es sich um den selben Ernst Zürcher, der auch vor wenigen Jahren besondere Eigenschaften von Mondholz in einer bislang nicht veröffentlichten Studie festgestellt haben will (und damit den Ergebnissen nahezu sämtlicher anderer Studien in diesem Bereich widersprach). In der Tat konnten wohl auch die 98er-Ergebnisse von anderen Forschern nicht repliziert werden, und die Wissenschaftsgemeinde reagierte auf die Veröffentlichung mit Skepsis - sowie Gegenanalysen, die auf Basis von Züchers sowie eigenem Datenmaterial zu anderen Schlüssen kamen:


    Zitat

    No indication of tidal influence on stem diameters was found. [...] Our analyses suggest that the fluctuations observed by Zürcher et al. (1998) are unlikely to have been caused by gravitational signal.


    Das angebliche Schwellen der Zellkörper könnte jedoch in einigen Fällen zufällig mit dem Rhythmus der Mondphasen zusammenfallen (Korrelation ist ungleich Kausalität!):


    Zitat

    However, it is possible that (...) there are rhythmic variations in the osmotic strength of living cells that cause variation in diameter. These types of circadian rhythms, which are associated with cell shrinking and swelling, have been observed in leaf movements of some leguminous trees (Taiz and Zeiger 1991). These rhythms could easily coincide with tidal periodicity, because the natural periodicities of transpiration and tide are closely related.


    Damit wird auch der Bogen geschlagen zu meinem ersten Posting in diesem Thread, in dem ich darauf hinwies, dass genau dieser Umstand auch für die Befindlichkeiten der Menschen und ihr zufälliges Zusammenfallen mit den Mondphasen in Frage kommen könnte. Bei manchen Tier- und vielleicht auch Pflanzenarten ist es auch durchaus möglich, dass sich natürliche Rhythmen an die Mondphasen gekoppelt haben, um einen stabilen Rhythmus sicherzustellen, der evolutionär sinnvoll wäre. DIe Eiabgabe des Palolo-Wurms ist zum Beispiel an einen Mondrhythmus gekoppelt. Das hat aber nichts mit gravitativen oder sonstigen Einflüssen zu tun - der Mond ist in solchen Fällen lediglich das Metronom für ohnehin ablaufende, bekannte Prozesse, deren Rhythmisierung aus evolutionären Gründen sinnvoll erschien. Besonders häufig trifft man solche Mondrhythmen bei Meereslebewesen, die sich häufig an den Gezeiten - und damit indirekt auch am Mond - orientieren. Nicht nur, dass Korrelation und Kausalität nicht gleichgesetzt werden dürfen - selbst bei einer kausalen Beziehung wäre zunächst nach Art der Kausalität zu fragen, bevor man ominöse physikalische Prozesse unterstellt.


    Wir haben hier also zwei Studien von ein und derselben Person, die völlig aus dem Rahmen der sonstigen wissenschaftlichen Erkenntnisse fallen, die nicht repliziert werden konnten und deren Ergebnisse von anderen Forschern mit bekannten Mechanismen hinreichend erklärt werden können. Das Wirken unbekannter bio-physikalischer Mechanismen ist damit so fragwürdig wie eh und je.


    santiago

    Da der Raumfahrer-Link zur Zeit nicht verfügbar ist und ich den Text nicht mehr detailliert im Kopf habe, ist es im Moment schwer, darüber zu urteilen. Wenn ich mich recht erinnere, stützten sich die dortigen Äußerungen aber vor allem auf eine Untersuchung von Ernst Zürcher, die aber meines Wissens nicht oder noch nicht in anerkannten Fachmagazinen veröffentlicht wurde. Da sie somit auch nicht peer-reviewed wurde, kann man nicht sagen, ob diese Studie sachgemäß durchgeführt wurde oder mögliche formale Fehler enthält. Zudem widersprechen die Ergebnisse in zahlreichen Punkten der Mehrzahl der von der TU Dresden aufgeführten Untersuchungen, was nicht gerade für die Studie spricht. Vermutlich lassen sich die von ihm beobachteten Effekte im Rahmen der natürlichen Schwankung erklären.

    Fassen wir das mal zusammen:
    - Mondphasen-Befürworter behaupten, die Mondphasen haben einen Einfluss auf statistische Größen in Zusammenhang mit menschlichem Verhalten (Geburten, Unfälle, Verbrechen usw) - dies erweist sich in zahlreichen Studien als völlig haltlos, der Effekt ist nicht gegeben.
    - Mondphasen-Befürworter behaupten, Mondholz habe besondere Eigenschaften, darum werde es auch schon seit Jahrhunderten für hohe Preise verkauft - zahlreiche Studien widersprechen dem, die nachweisbaren Eigenschaften von Mondholz unterscheiden sich nicht von "normal" geschlagenem Holz.
    - Mondphasen-Befürworter behaupten, der Mond habe Einfluss auf das Schlafverhalten - Studien widersprechen dem massiv, es lässt sich kein Effekt nachweisen.


    Der gesamte Mond-Mythos basiert aber gerade auf diesen, immer wieder geäußerten Postulaten: sie bilden den Kern des Volksglaubens, nach dem der Mond einen nennenswerten Einfluss auf das menschliche Leben hat. Nun, wo all diese Punkte entkräftet werden konnten, verschanzen sich die Mondphasen-Befürworter hinter der Behauptung, der Mond wirke nur auf zellulärer Ebene und das in einer Art und Weise, die bisher nicht nachgewiesen wurde, und überhaupt habe er nur Einfluss auf das Wohlbefinden. Das ist so ein bisschen wie bei Gott: man schiebt ihn immer dorthin, wo die WIssenschaft noch nicht ist, um sich ein kleines Schlupfloch zu bewahren. Fakt ist, dass niemand erklären kann, auf welche Weise ein solcher Einfluss funktionieren soll, und diesen eklatanten Mangel an beschreibbaren Mechanismen kann man auch nicht mit dem Argument wegwischen, dass es ja noch unbekannte Phänomene geben kann. Wir sprechen hier von gut erforschten physikalischen und biologischen Systemen. Und der hier wirkende, unbekannte Effekt hat lediglich einen Einfluss auf das Wohlbefinden, das in hohem Maße zahlreichen inneren und äußeren Einflüssen unterliegen kann?


    Nochmal zur Übersicht: Untersucht wurden in Zusammenhang mit den Mondphasen die Geburten, die Aggressivität, Kriminalität, Unfälle, Drogenkonsum, Selbstmorde, Morde, Verhalten von psychiatrischen Patienten, Anrufe bei der Telefonseelsorge, ärztliche Notfälle, Krankenhaus-Einlieferungen, Operationen, Geburten, Menstruationszyklus, Farbempfindlichkeit, Harnsäurekonzentration, Schlafstörungen sowie Eigenschaften von Mondholz. Von wenigen Ausnahmen abgesehen erbrachten alle Studien das selbe Ergebnis: es konnten keine relevanten Effektstärken nachgewiesen werden. Die Grundlagen des Mondglaubens haben sich also als Humbug erwiesen, und darum sollte man schon nennenswertere Effekte als ein subjektives Unwohlsein erwarten können, um ein völlig neues physikalisch-biologisches Phänomen anzunehmen. Allein in meinem ersten Posting in diesem Thread habe ich drei plausiblere mögliche Ursachen für dieses Unwohlsein genannt. Darüberhinaus gilt auch hier: ei incumbit probatio qui dicit.


    santiago

    Rōnin und Lexidriver haben ja schon alles Wesentliche gesagt. Dass jetzt schon wieder das Baumbeispiel genannt wird, finde ich aber schon erstaunlich, denn genau darüber haben wir an anderer Stelle schon einmal gesprochen. Dort habe ich auch diese Grafik der TU Dresden verlinkt und darauf hingewiesen, dass die eine Studie, auf die sich die raumfahrer-Seite stützt, im Meta-Vergleich eine absolute Ausnahme darstellt und nahezu alle anderen Studien zu diesem Thema andere Ergebnisse erbrachten.



    Sich auf längst widerlegte, halbgare Argumente zu stützen, macht die eigene Position nicht unbedingt glaubwürdiger. Ein so lasches Phänomen wie die eigenen Befindlichkeiten (die in hohem Maße autosuggestiven Einflüssen unterliegen) mit unbekannten physikalischen Effekten erklären zu wollen, ist ein so massiver Verstoß gegen das Sparsamkeitsprinzip, dass das wirklich noch dem größten Kritiker von Ockham einleuchten müsste. Das gilt umso mehr, wenn sich keine Indizien finden lassen, die diese Annahme stützen, und alternative Erklärungen ausreichend vorhanden sind.


    santiago

    ...und nicht zu vergessen: einer der ersten Medienhypes der Kriminalgeschichte. In keinem Aspekt ist der Fall von Jack the Ripper gegenüber anderen ungeklärten Mordserien außergewöhnlich, aber der Medienhype funktioniert bis heute. Vielleicht ist das sogar das Mysteriöseste an der ganzen Geschichte. ;)

    Abgesehen davon, dass keine für den Menschen relevanten physikalischen Unterschiede zwischen den Mondphasen bestehen - wie res bereits ausgeführt hat - ist besonders das Problem der unbewussten Konditionierung zu bedenken: wenn man meint, das Wohlbefinden hinge von den Mondphasen ab, dann kann es gut sein, dass man sich unterbewusst darauf einstellt und es so zu einer Art selbsterfüllenden Prophezeiung kommt. Da man sich Erfolge besser merkt als Misserfolge, kann es auch gut sein, dass es den subjektiven Zusammenhang überhaupt nicht gibt und er nur deswegen vermutet wird, weil gelegentliche Zufallstreffer vorkommen. Auch eine dauerhafte, rein zufällige Korrelation ist denkbar, so fällt bei manchen Frauen z.B. tatsächlich der Menstruationszyklus mit den Mondphasen zusammen - was aber rein statistisch schon notwendig ist. Auch hier gilt: Korrelation ist ungleich Kausalität.


    santiago

    Zitat von muttertier

    scheint ein männliches ego zu sein welches sich da auf den schlips getreten fühlt.


    Man könnte doch glatt aus dem ständigen Verweis auf Geschlechterunterschiede ein gestörtes Verhältnis zur sexuellen Identität ableiten... ist hier aber ja nicht das Thema.


    Zitat

    man muss nix aber auch gar nix "beweisen" nicht einmal meine menstruation da genügt mir ganz allein die erfahrung um zu wissen.....


    Einzelerfahrungen haben keine Relevanz für die Validität einer Theorie. Zum Einen sind solche Einzelerfahrungen statistisch unumgänglich, zum anderen unterliegen sie einer Vielzahl von Einflüssen, die nicht immer einzeln zu ermitteln sind. Ist ein direkter kausaler Effekt gegeben, wie er durch solche Einzelerfahrungen postuliert wird, müsste er sich beim Vergleich einer relevanten Menge von Beobachtungen deutlich von der Zufallserwartung abheben (statistische Signifikanz). Ist das nicht gegeben, kann man für die Einzelerfahrungen andere Ursachen als die vermuteten annehmen.


    Zitat

    und nebenbei muss ich mir nicht alle postings durchlesen um auf eine geschichte zu antworten nämlich in diesem fall auf die frage ob der mond den menschlichen körper beinflusst......


    Manchmal ist es aber empfehlenswert, erst einmal ein wenig nachzudenken, bevor man anderen Halbwissen unterstellt und wie ein Elefant im Porzellanladen die vermeintliche Überlegenheit der eigenen Position hinausposaunt.


    Zitat

    unabhängig davon sagt das verwenden von fremdwörtern oder solchen die es werden wollen nix über die intelligenz eines individuums aus es zeigt lediglich das die eigene sprache möglicherweise nicht reicht um sich zu erklären


    Sehr wahr. Und sehr irrelevant.


    Zitat von Andersich

    Dafür orientieren sich doch zu viele bauern an dem stand des mondes. Die beispiele, die ich nannte, wurden die genauestens untersucht? Selbst wenn sie nicht aussagekräftig wären aus sicht der empirischen beweisführung, wieso wirken sie dann trotzdem? Soll es wirklich massenhypnose sein? Pflanzenplazebo? Das will mir nicht in den kopf!


    Mir sind Studien zu den Eigenschaften von Mondholz sowie zum angeblichen Einfluss des Mondes auf den Menschen bekannt, sowohl in Einzelstudien als auch in vergleichenden Meta-Studien. Die Ergebnisse waren, von wenigen Ausnahmen abgesehen, immer recht eindeutig. Ob es darüberhinaus Untersuchungen zu anderen Aspekten des "Mondkalenders" gibt, weiß ich nicht, solche Einflüsse wären aber in Anbetracht der Tatsache, dass gerade für die "klassischen" Bereiche des vermeintlichen Mondeinflusses - nämlich statistisch nachweisbare Einflüsse auf den Menschen und die Beschaffenheit des Holzes - kein Nachweis erbracht werden konnte, sehr unwahrscheinlich. Die Akzeptanz der Mondregeln bei manchen Bauern lässt sich gemäß dem Sparsamkeitsprinzip auf andere Weise sinnvoller erklären. Zum Einen nimmt die Akzeptanz des Mondkalenders seit den letzten Jahrzehnten immer mehr zu, was man auf eine "Rückbesinnung" auf vermeintlich "alte Werte" und "naturnahes Leben" zurückführen kann, wie sie sich auch in anderen Bereichen zeigt. Zum Anderen tendieren Menschen dazu, tradierte Verhaltensweisen fortzusetzen, wenn sie keinen Anreiz haben, diese zu hinterfragen - das ist ja bei der Religion genauso (dass über 2 Milliarden Menschen Christen sind, heißt nicht, dass Jesus der Sohn Gottes war). Darüberhinaus gibt es den bekannten Effekt, dass vermeintliche Erfolge besser memoriert werden als Misserfolge, was die subjektive Wahrnehmung dahin lenkt, dass die oft schon zuvor erwartete Effektivität scheinbar bestätigt wird. Hat sich ein Bauer erst einmal dazu entschlossen, konsequent nach dem Mondkalender zu ernten, hat er ja ohnehin keine Vergleichsdaten mehr. Oft sind die Erfolge, selbst wenn sie sich nach Befolgung von Mondregeln häufen sollten, auf andere Einflüsse zurückzuführen, zum Beispiel eine gleichzeitig erhöhte Anwendung von Pestiziden oder ähnliches. Grundsätzlich gibt es viele Möglichkeiten.


    santiago

    Dafür, dass ich lediglich mein "Halb- und Viertelwissen" formuliert habe, gehst du erstaunlich wenig auf meine Argumente ein und quatscht stattdessen etwas von "Erfahrungswissenschaft" und "vielen Beispielen". Herzlichen Glückwunsch, Sie haben nichts verstanden. Da ich wenig motiviert bin, die Grundlagen der wissenschaftlichen Methodik zum 1000. Mal hier aufzurollen, würde ich dir nahe legen, die zahlreichen vergangenen Postings zu diesem Thema erst einmal aufmerksam zu lesen und kognitiv zu verarbeiten, bevor du anderen Leuten "Viertelwissen" unterstellst. "Erfahrungswissenschaften" müssen ebenso in Einklang mit der wissenschaftlichen Methodik stehen, weil diese eine direkte Folge logischer Prinzipien ist - entweder genügt eine "Erfahrungswissenschaft" diesen Ansprüchen, oder sie ist mangelhaft, und das gilt umso mehr, wenn sie auf völlig wirren Annahmen beruht. Deine "Erfahrungen" und "Beispiele" sind völlig nichtig, weil sie im statistischen Hintergrundrauschen untergehen; gäbe es einen relevanten Effekt, dann müsste er sich empirisch nachweisen lassen, was z.B. in Hinblick auf Meta-Studien nicht gegeben ist.
    Die Validität einer Pseudowissenschaft mit der Beschäftigung von Personen, die vor Etablierung der modernen Naturwissenschaften gearbeitet haben, zu legitimieren, ist darüber hinaus äußerst absurd - wie bereits erwähnt hat sich Newton auch mit Alchemie beschäftigt, was aber weder seine physikalischen Leistungen schmälert, noch in irgendeiner Weise für die Alchemie spricht. Ob sich ein Genie mit einer Theorie beschäftigt hat, sagt ohnehin nie etwas über diese Theorie selbst aus - dieser argumentum ad verecundiam genannte Fehlschluss sollte allgemein bekannt sein.


    santiago

    Wie Ragnarsson bereits bemerkt hat, geht es nicht um die Temperatur eines Stoffes, sondern um seine spezifische Wärmekapazität. Schnee besteht aus Wasser und - zu großen Teilen - Luft (darum ja auch die weiße Farbe, aufgrund der mehrfachen Lichtbrechung durch die Luftblasen). Luft wiederum hat keine hohe Wärmekapazität, also ist es weitaus sinnvoller, direkt flüssiges Wasser reinzupumpen. Da die Stromzufuhr nach Fukushima gekappt ist - die Leitungen werden ja gerade erst wieder gelegt - erübrigen sich Maschinen ohnehin.

    Ich habe nur wiedergegeben, was ich diversen Meldungen der letzten Tage entnommen habe. Ich selbst habe von radioaktiven Stoffen auch nicht all zu viel Ahnung. Sicher ist jedenfalls, dass das von mir geschilderte Szenario absoluter worst case ist - ob es so weit kommt, hängt besonders von der Menge der freigesetzten Radioaktivität ab, und die kann anscheinend noch niemand vorhersagen. Das Problem ist, dass wir hier gleich mehrere beschädigte Reaktoren haben - wenn es in einem davon zu einer Kernschmelze kommt, könnte das auch Folgen für die anderen Reaktoren haben, womit sich die Menge der freigesetzten Radioaktivität mit jedem Reaktor addiert.


    Aber wir wollen ja nicht nur schwarzsehen. n-tv meldete soeben:


    Zitat

    Der AKW-Betreiber Tepco hofft, dass er die havarierten Reaktoren 1 und 2 am Samstag über die wiederhergestellte Stromleitung versorgen kann. Die erneuten Kühlversuche seien erfolgreich gewesen, betont Regierungssprecher Yukio Edano gegenüber dem Sender NHK. Der Fernsehsender zeigt auch einen Armeesprecher, der über Block 3 berichtete: "Wir haben das Ziel getroffen."


    Vielleicht zeigen sich allmählich zaghafte Silberstreifen am düsteren Horizont.


    santiago

    Laut n-tv könnte die Verseuchung bei einem Super-Gau ein Gebiet von ca. 500 km um die havarierten Reaktoren verseuchen und auf unabsehbare Zeit unbewohnbar machen. Auf eine Karte übertragen sähe das so aus:



    Damit wäre die Insel praktisch unbewohnbar, denn weder kann man 127 Millionen Menschen auf diesen kleinen Raum bannen, noch ließe sich eine normale Lebensmittelversorgung bewerkstelligen. Plutonium hat übrigens eine Halbwertszeit von 24.110 Jahren und man rechnet mit etwa 10 Halbwertszeiten, bis die Gegend für Menschen wieder bewohnbar wird - das sind also 241.100 Jahre. Das ist die Größenordnung, von der wir hier reden. Vom menschlichen Desaster abgesehen wäre das auch der Untergang einer 15.000 Jahre alten Kultur.


    Die besten Live-Ticker, die ich bisher gefunden habe, sind jene von n-tv und der tagesschau. Nach neuesten Meldungen dauert es noch bis Samstag, bis die Stromleitungen gelegt sind, und selbst dann ist nicht klar, ob die Kühlversorgung wieder anspringt.


    Hier kann man sich übrigens die Lage der beiden Fukushima-Kraftwerke in Google Earth anzeigen lassen (.kmz-Datei downloaden und mit Google Earth öffnen).


    santiago

    Zitat

    Jeder, der unvernünftig handelt, wird irgendwann bestraft, sowas nennt man gesetz von ursache und wirkung. Baue ich kraftwerke auf unsicheren boden, obwohl man weiss, dass die reaktoren veraltet sind und eh abgeschafft werden sollten, dann machts irgendwann "boom", das versteht sogar mein sohn!!! Also darf ich doch wohl behaupten, dass sie genau deswegen selbst schuld sind...hätten sie gar nicht oder sicherer gebaut, was gar nicht geht, wäre das nicht passiert. Jetzt ist es aber passiert und sie zahlen die quittung. Nicht mehr und nicht weniger wird hier gesagt. Dass sie nichts fürs erdbeben können oder für tsunamis, ist doch wohl klar.


    Achso, entschuldige, dass ich dachte, du hättest es vielleicht nicht so gemeint. Offenbar hast du es tatsächlich genau so menschenfeindlich gemeint, wie es rüberkam. Du bist ein richtig schönes Musterbeispiel für die Arroganz westlicher Konsumgesellschaften: sitzt in deiner sicheren Hütte mit Zentralheizung, beobachtest Katastrophen über den Fernsehen und maulst überheblich rum, dass die Japaner "selbst schuld" sind. Soll ich ein paar Kontakte mit Japanern herstellen, die Angehörige verloren haben? Willst du denen ins Gesicht sagen, dass sie "selbst schuld" sind? Oder bist du dafür zu feige, weil du nur große Töne spucken kannst, wenn du dich hinter der Anonymität des Internets versteckst?


    Gibts hier eigentlich eine Ignore-Funktion?


    santiago


    PS: Zum Wohle der Diskussion gestrichen. Um nichts zu vertuschen lasse ich es trotzdem mal stehen. Versuchen wir es mal sachlicher: Ich kann damit leben, wenn man sagt, die japanische Regierung sei "selbst schuld", auch wenn ich das trotzdem blödsinnig fände. Ich kann es auch verstehen, wenn man sagt, der Betrieber (TEPCO) sei selbst schuld - das ist sogar nachvollziehbar, wenn es stimmt, dass diese Firma nicht ganz seriös gearbeitet und u.a. Sicherheitsberichte gefälscht hat. Zu sagen, "die Japaner" oder "das japanische Volk" sei schuld, ist aber ebenso absurd, wie den Deutschen zu unterstellen, sie seien schuld an der Bombardierung Dresdens, weil Hitler den Krieg angefangen hat. Von den Entscheidungen Einzelner Rückschlüsse auf das Kollektiv zu ziehen verbietet sich - so weit sollte die soziale Einsicht jedes Menschen eigentlich reichen. Überhaupt ist die Sache mit dem "selbst schuld" problematisch - wenn die Regierung davon ausgegangen ist, dass solche Unfälle unmöglich sind, dann war das vielleicht nur naiv, und es als gerechte Strafe für Naivität anzusehen, dass ein Land mit 120 Millionen Einwohnern verstrahlt wird, ist zumindest moralisch fragwürdig. Vielleicht ist es aber auch Ausdruck einer gewissen Hilflosigkeit, wenn man nun sofort auf die Suche nach der Schuldfrage geht - wie auch immer, solche Reden zu schwingen ist in Anbetracht der Katastrophe ein Signal eklatant mangelnder Empathie und Empfindsamkeit.

    Auch wenn ich hier vielleicht den Spielverderber spiele, aber ich möchte darauf hinweisen, dass blinde Spekulation nichts mit Philosophie zu tun hat. Wenn ich das richtig verstanden habe, wollte Jagd-Elite mit seinem Beispiel auch lediglich darauf hinweisen, dass seiner Ansicht nach dasjenige wahr sein muss, für das es keine Gegenbeweise gibt (was jedoch keine haltbare Position ist). Bei dem 5-Minuten-Gedankenspiel handelt es sich auch nicht um eine "Theorie".


    santiago

    Zitat

    Aha, über die Türkei oder Amerika dürfen wir hier also ungehemmt herziehen, weil du dich mit diesen Ländern nicht "verbunden" fühlst?


    Nein, bei einer solchen Katastrophe ist "selbst schuld" immer unangemessen, egal, um welches Land es geht. Nur geht es mir hier eben besonders auf den Geist. Du wirst auch empfindlicher reagieren, wenn man deine Familie beleidigt, statt eine fremde Person, und trotzdem lässt das nicht den Rückschluss zu, dass Beleidigungen in anderen Fällen was Tolles wären, nicht wahr? Ich will Andersich aber auch nicht ewig diesen einen Ausspruch vorhalten, den sie vermutlich nicht so gemeint hat, wie es rübergekommen ist.


    Wie du vielleicht aus früheren Postings entnommen hast, habe ich übrigens auch häufig für die Türkei oder Amerika Partei ergriffen, wenn man nach meinem Empfinden ungerecht mit diesen Ländern umging. Aber das tut hier ja nichts zur Sache.


    santiago

    Nuja, in der theoretischen Physik wimmelt es nur so von abenteuerlichen Theorien. Was diese wert sind, zeigt sich eben erst, wenn sie sich auch mit experimentellen Ergebnissen decken - insofern ist das bisher relativ irrelevant, solange sich die prognostizierten Messergebnisse nicht bewahrheitet haben. Erst wenn das der Fall ist, sollte man diese Theorie genauer unter die Lupe nehmen. Zum jetzigen Zeitpunkt kann man höchstens Rechenfehler in der Theorie ausmachen, aber das dürfte den Physikern überlassen werden, denn als Laie kann man sich wohl kaum anmaßen, kompetent darüber zu urteilen. Im PhysForum gibt es hierzu jedenfalls bislang nichts.


    santiago

    Du hast Recht. Wenn du noch 1-2 Jahre wartest, wirst du darüber in epischer Breite in meinem Buch lesen können. :P
    Tatsächlich deckt sich die Idee eines freien Willens nicht mit dem Kausalitätsprinzip der Natur und das menschliche Verhalten muss natürlich ebenfalls der reduktionistischen Methodik der Naturwissenschaften unterzogen werden. Aufschlussreich sind hier z.B. die Arbeiten von Wolf Singer. Aber schon aus rein logischen Überlegungen und alltäglichen Beobachtungen ergibt sich diese Erkenntnis. Das im Ganzen aufzurollen wäre, um mit Fontane zu sprechen, ein zu weites Feld. Jedenfalls hat schon Schopenhauer die Nicht-Willensfreiheit erkannt und in einem Aphorismus zum Ausdruck gebracht: man kann zwar tun, was man will, aber man kann nicht wollen, was man will. Für Einstein war der menschliche Determinismus eine "unerschöpfliche Quelle der Toleranz" (Albert Einstein: "Mein Weltbild"). Mit dem "Sinn des Lebens" hat das aber nur zu tun, wenn man sich von dieser Erkenntnis aufbauend zu einer quasi-metaphysischen Weltdeutung versteigt; ansonsten gilt das bereits Gesagte, nämlich dass diese "Sinn"-Frage vor allem von der Definition der Begrifflichkeiten abhängt.


    santiago

    ...und was fragen die Deutschen bei nahezu jeder Bürger-Fragerunde und jedem Interview auf der Straße? Ob sie Fisch aus dem Pazifik essen dürfen. Ob sie ihren Malaysia-Urlaub durchführen können. Dass die deutschen Atomkraftwerke abgeschaltet werden müssen. Ich habe noch kaum eine Frage gehört, die das Schicksal des japanischen Volkes betrifft - immerhin besteht die realistische Gefahr, dass weite Teile Japans für mindestens 300 Jahre unbewohnbar sein werden, die japanische Wirtschaft auf Jahre geschädigt und das gesamte japanische Ökosystem irreversibel gestört wird. Diese Provinzialität und Kleingeistigkeit, dass man zwar sofort Protestmärsche gegen Atomkraft in die Wege leitet, sich aber nicht sonderlich um die Zukunft Japans schert, ist schon frappierend. Ich schließe mich der taz an:
    "Es verrät einen erstaunlichen Mangel an Empathie und Menschlichkeit, jetzt nicht zu fragen, ob weite Teile Japans unbewohnbar werden und ob es gelingt, das Herausschleudern des verheerenden radioaktiven Inventars aus den Reaktorruinen zu verhindern, sondern danach, ob in Castrop-Rauxel womöglich das Risiko steigt. (...) Wir in Deutschland haben die Gnade der Geografie auf unserer Seite. Insofern sollten wir erleichtert sein und unsere kleinkrämerischen Sorgen in ein Mitgefühl für die japanischen Opfer verwandeln. (...) Für manche scheint die Unversehrtheit der heimischen Scholle das wichtigste Thema zu sein." (Quelle).


    santiago